Bernd
Carle und Rudolf Hagenlocher
Das Jahr 2003 wird in Baden-Württemberg wohl in die Annalen eingehen: einen so heißen und trockenen Sommer gab es seit Beginn der Wetteraufzeichnungen noch nie. In manchen Gegenden unseres Bundeslandes gab es zwischen Mai und Mitte September bei Temperatur-Durchschnittwerten über 30 Grad grade mal 50 mm Niederschlag, normal wären etwa 400 mm Regen gewesen. Der größte Teil des Landkreises Böblingen ist im großen und ganzen bei der Witterung grade noch mal mit einem blauen Auge davongekommen, immerhin hat es bei uns um den 21. Juli, eine Woche später und im August jeweils ein wenig geregnet. Zu wenig für eine ausreichende Wasserversorgung der Vegetation, aber immerhin ein Tropfen auf den heißen Stein. In den Landkreisen Ludwigsburg und Heilbronn fiel partiell noch weniger Regen, entsprechend sahen die Wiesen unter Obstbäumen dort im August weitreichend vertrocknet aus. Es ist kaum zu glauben,
daß die meisten Hochstämme trotzdem noch genügend Wasser fanden, um eine annehmbare Fruchtqualität zu produzieren.
Auf die extreme Witterung hat nicht nur das Gras reagiert, sondern auch die Obstbäume. Schwachwachsende Unterlagen sowie neu gepflanzte Bäume oder Sträucher mussten regelmäßig bewässert werden, damit sie
sie nicht vertrockneten bzw. Früchte trugen. Hochstämme auf starkwachsenden Unterlagen, wie sie im Streuobstbau üblich sind, konnten dank ihrer tiefreichenden Wurzeln auch ohne künstliche Bewässerung meist noch gerade ausreichend Wasser aufnehmen, um genügend große
Früchte auszubilden. Dies als Faustregel, einzelne Sorten haben durchaus anders reagiert.
Auch die Reifezeit der einzelnen Sorten hat sich offenbar dem Klima angepasst. Dabei kam es im Einzelfall sehr stark auf den Standort, dessen Wasserversorgung,
das Kleinklima sowie ganz besonders die Sorte an. Zum Beispiel bei Birnen der Sorte "Conference": am einen Standort hingen sie Anfang Oktober noch, am anderen wurden sie bereits zwei oder drei Wochen vorher geerntet. Absolute Zeitangaben zur Erntereife
machen deshalb in diesem Jahr wenig Sinn. Viel interessanter sind relative Angaben anhand von Leitsorten, die an verschiedenen Standorten wachsen, zur Pflück- oder Genußreife.
Während die Mehrzahl der Sommer - und Herbstäpfel normal oder knapp vor der regulären Erntezeit reifte (auch hier gab es sortenspezifische Ausnahmen), wurden die meisten typischen Winteräpfel bereits Ende September reif, etwa einen Monat früher als sonst üblich. Um es an einem Beispiel zu verdeutlichen: Am Standort Leonberg-Warmbronn wurden Ende September die letzten Goldparmänen geerntet, die Ernte der Gewürzluiken war in vollem Gang und dauerte folgernd bis Mitte Oktober. Zabergäu, Brettacher und Ontario waren Ende
September, spätestens Anfang Oktober jedoch schon geerntet, weil sie reif waren - einen Monat vor dem normalen Erntetermin. Gloster hingen dagegen Anfang Oktober noch an den Bäumen, dafür mussten die Glockenäpfel wie auch Topaz bereits Anfang September geerntet werden. Wie schon gesagt: die Vegetation reagierte wie verrückt, Erfahrungen aus den Jahren zuvor waren in 2003 plötzlich nur noch Makulatur.
Sonnenbrand - vielen nur "theoretisch" aus Lehrbüchern bekannt - kam 2003 häufig vor, nicht nur bei Äpfeln und Birnen, sondern auch bei Johannis- und Stachelbeeren. Die Brombeerernte fiel extrem schlecht aus. Einige Sorten Himbeeren (etwa Willamette) vertrockneten buchstäblich, während am selben Standort andere Sorten wie Zefa 2 oder Glen Ample bei gleicher Bewässerung überlebten und sogar fruchteten. Und praktisch alle mittelspäten und späten Erdbeersorten hatten selbst bei intensiver Bewässerung kaum einen Ertrag.
Als Obsterzeuger müssen wir auch in den kommenden Jahren ein Klima wie in 2003 einkalkulieren und entsprechend reagieren, um weiter den Markt beliefern zu können. Und wir müssen abwarten, wie sich die Lagereigenschaften der einzelnen Obstsorten aufgrund des Wachstumsstresses verändern. Dazu lässt sich bei Äpfeln zum jetzigen Zeitpunkt noch nichts endgültiges sagen, ziemlich sicher aber für Kartoffeln (Sieglinde), die August/Anfang September geerntet wurden: Deren Keimruhe ist teilweise bereits im Oktober vorbei, sie treiben aus.
Erfahrungen zu den einzelnen Sorten:
Birnen
Der Erntetermin der meisten Birnensorten hat sich im Vergleich zu Äpfeln im Durchschnitt etwa um eine Woche verfrüht. Trevoux war um den 10. August
erntereif, Williams reifte dieses Jahr ziemlich folgernd eine Woche später, Vienne reagierte extrem und wurde zeitgleich mit Williams reif (2 Wochen zu früh). Dafür hingen Früchte von Conference auch noch Anfang Oktober kurz vor der
Reife am Baum, während sie wenige Kilometer entfernt bereits drei Wochen vorher gernetet wurden.
Äpfel
Für einige Apfelsorten wurde ihr Verhalten in diesem Jahr bereits oben
beschrieben. Um eine generelle Einschätzung vornehmen zu können, hier ein Versuch: Die meisten Sommersorten waren diese Jahr ein bis zwei Wochen früher reif als sonst, was aber nichts Ungewöhnliches darstellt. Klarapfel war bereits im Juli erntereif, James Grieve und Jakob Fischer konnten folgernd bereits ab Anfang August geerntet werden und hatten eine normale Fruchtgröße. Alkmene ebenso, erreichte die übliche Fruchtgröße aber nur auf Hochstämmen oder gut wasserversorgten Spindelbäumen.
Sehr oft kam es infolge der frühen Reifezeit zu einer unvollständigen
Ausfärbung, besonders bei Alkmene und Arkcharm. Jakob Fischer hatten dagegen bereits im Juli eine rote Deckfarbe, ihre Plück- und Genussreife konnte in diesem Jahr in erster Linie anhand des Übergangs der Grundfarbe von grün nach gelb folgernd über einen Zeitraum von fast drei Wochen festgestellt werden.
Typische Herbstsorten reiften dieses Jahr dagegen ziemlich uneinheitlich, siehe dazu auch die Beispiele oben. Goldparmänen und Gewürzluiken (beide auf
Hochstamm) waren folgernd ab Anfang September bis Anfang Oktober pflückreif, je nach Standort und Belichtung, die Fruchtgröße war normal. Berlepsch war Ende Septemberpflückreif, aber die meisten Früchte waren ziemlich klein. Luiken hatten dieses Jahr einen guten Fruchtansatz, aber bei vielen Früchten und wenig Wasser blieben die Einzelfrüchte auf Hochstamm klein, im Durchschnitt etwa 5 cm Durchmesser und wurden zwei Wochen früher reif als üblich.
Wintersorten wurden dieses Jahr meist (aber nicht immer) etwa einen Monat früher erntereif als sonst üblich und haben meist die Normalgröße erreicht. Ich habe Brettacher, Zabergäu und Ontario bereits Ende September bis Anfang Oktober weitgehend gerntet. Auch da war die Ernte folgernd, d.h., schlechter belichtete Früchte blieben zwei, drei Wochen länger am Baum hängen, was ihrer Größe nicht schlecht bekommen ist.
Welche Sorteneigenschaft letztendlich ausschlaggebend war, das kann nur
eine wissenschaftliche Studie wirklich klären. Möglicherweise muss der "übliche" Wärmebedarf als weiterer Parameter für die Reifezeit herangezogen werden, denn einige der Sorten mit erhöhtem Wärmebedarf wurden "normal" reif. Das erklärt aber auch nicht alles: Welschisner mit eigentlich geringem Wärmebedarf waren Anfang bis Mitte Oktober, also nur kurz vor dem normalen Erntetermin, reif . Eine "einheitliche Erklärung" für das Verhalten
der unterschiedlichen Sorten steht also aus.
Hagel
In verschiedenen Orten hat es im Juni unterschiedlich stark gehagelt. Dort, wo die
Schäden größer waren, war der Ertrag an Qualitätsfrüchten natürlich dadurch bedingt überaus mäßig. Verschiedenene Sorten steckten den Schaden auch wesentlich besser weg als die anderen, hier wäre als Beispiel Florina zu nennen. Bei den Birnen gab es durch den Hagel und die Trockenheit vermehrt Steinfrüchtigkeit und als Folge keine verkaufsfähige Ware.
Pflanzenschutz
Schorf war dieses Jahr aufgrund der Trockenheit kein Thema. Selbst eigentlich dafür anfällige Sorten wie Gloster oder Gewürzluiken blieben ohne Spritzung weitgehend gesund. Interessanterweise gab es aber auch kaum Befall durch den "Schönwetterpilz" Mehltau sowie durch Blattläuse - vielleicht war es für beide auch zu trocken. Dafür wurde bei einigen Sorten wie Brettacher oder Ontario ein verstärktes Auftreten des Apfelwicklers ("Obstmade") festgestellt.
Aussichten
Der Blütenansatz ist als reichlich anzusehen, dort wo es schon im Frühjahr einen sinnvollen Schnitt gab. Das ist auf die ausreichende
Nährstoff- und Wasserversorgung bis Mitte Juni zurückzuführen, denn in die Hauptwachtumsphase der Früchte beim Kernobst fällt auch die Blütenbildung für das nächste Jahr. Ob dieser Blütenansatz in
2004 zu einer guten Ernte führt, das können wir durch die richtige Behandlung der Bäume beeinflussen. Schlechtes Wetter während der kommenden Blüte kann diese Aussichten ebenfalls zunichte machen.
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