Fachwarte für Obst und Garten im Landkreis Böblingen

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Die Witterungsbedingungen in 2002 und deren Auswirkungen auf den Obstbau

Von unserem Ausschußmitglied Manfred Nuber, Fachberater für Obst- und Gartenbau im Landratsamt Böblingen.

  Das Jahr 2002 war nach Messungen der Universität Hohenheim mit 10,3° C das drittwärmste Jahr der Messreihe seit 1878. Nur die Jahre 2000 und 1994 waren wärmer Das Jahr 2001 folgte als viertwärmstes mit 10,1° C. Der Niederschlag betrug im Kreisgebiet mit 980 Liter ca. 130 % der Norm. Es wurde somit an verschiedenen Stellen des Kreises zum niederschlagsreichsten Jahr seit den Aufzeichnungen.

  Der Winter 2001/2002 war um 1,6° C zu mild, sehr sonnig und sehr niederschlagsarm (Januar: nur 5 l/qm). Es gab von Weihnachten 2001 bis 19. Januar 2002 eine geschlossene Schneedecke. Der Rest des Winters war mild, verregnet und sehr stürmisch. Ende Februar hatte die Vegetation einen einmonatigen Vorsprung.

  Auch das Frühjahr 2002 war wieder wesentlich wärmer und niederschlagsreicher als sonst. Einem sehr milden, stürmischen und extrem verregneten März folgte ein kühler durch Ostwind geprägter April. Dieser brachte eine ganze Reihe von Frostnächten bis -7° C. Es folgte der Mai, der sehr wechselhaft, verregnet (110 l/qm) und trüb war. Der anfängliche Vegetationsvorsprung von 3- 4 Wochen wurde durch den kühlen April auf wenige Tage reduziert.

  Der Sommer 2002 war ebenfalls zu warm und verregnet. Der relativ trockene Juni hatte mit 35,5° C am 18.06.2002 einen außergewöhnlichen Hitzerekord. Der gesamte Monat wurde dadurch auch der zweitwärmste der Messreihe. Es folgte ein verregneter, grauer Juli (112 l/qm) und ein ausgesprochen verregneter und gewittriger August (100 - 120 l/qm). Er verursachte die großen Überschwemmungen an Elbe und Oder. Die Ernte des Getreides verzögerte sich wegen der schlechten Witterung um mehrere Wochen.

  Der Herbst war durch äußerst viel Regen (200 % des Solls) der zweitnasseste Herbst seit 1878 gewesen. Nur der Herbst 1939 war feuchter. Der September war nasstrüb (70 - 94 l/qm). Die Laubfärbung setzte zwei Wochen früher ein als normal, Auslöser war ein Temperatursturz am 22. September, der auf der Alb Schneefall brachte. Der Oktober war stürmisch mit 125 l/qm (Herrenberg). Der Blattfall wurde Ende des Monats von Sturm Jeanette beschleunigt.

  Es folgte der viertwärmste November mit nur 1 Frosttag. Er war mit bis zu 174 l/qm der drittniederschlagsreichste November. Das Jahr endete mit einem sehr milden, neblig trübem und weniger verregneten, schneelosen Dezember. Es bildete sich erst ab dem 05. Januar 2003 eine Schneedecke die bei kräftigen Nachtfrösten bis -15° C bis zum 15. Januar blieb.

  Die absolute Jahresschwankung im Kreis Böblingen betrug 52,7° C zwischen - 17,2° C am 03. / 04.01.2002 und 35,5° C am 18. Juni. Es wurden nur 8 Eistage (Maximum kleiner als 0° C), anstatt durchschnittlich 22 Eistagen beobachtet. Die Zahl der Sommertage (Maximum über 25° C) war mit 37 statt 31 etwas höher, die der heißen Tage (Maximum über 30° C) mit 6 statt 4 im üblichen Bereich. Die frostfreie Periode dauerte 193 Tage vom 09. April bis 20. Oktober. Die höchsten Niederschläge fielen im Mai (113 l/qm), im August (122 l/qm) und im November mit 174 l/qm. Der Januar war mit 5 l/qm der trockenste Monat neben dem ebenfalls trockenen Juni der nur 50 anstelle der sonst üblichen 90 Liter brachte.

Folgen für den Obstbau

  Das Jahr 2002 muss vor allem im Hobby- und Streuobstbereich als schlechtes, im Erwerbsbereich als sehr stark durchwachsenes in die Geschichte eingehen.

Kernobst

Durch die Blütenfröste im April war der Behang nur sehr gering. Dieser wurde infolge des feuchten Wetters und daraus resultierenden Blattschäden (Schorf) noch weiter reduziert. Auch robuste und bewährte Sorten wie Jakob Fischer, Boskoop und Oldenburg zeigten Totalausfälle. Viele Bäume waren bereits im Juli/August durch Schorf entlaubt und trieben noch einmal Blätter nach. Die wenigen verbliebenen Früchte zeigten sehr viel Stippe und vor allem sehr viel Fäulnis. Die Früchte waren deshalb kaum lagerfähig. Die Ernte beim Mostobst war dementsprechend gering. Es wurde nur ca. ein Drittel einer normalen Ernte eingefahren.

  Im Erwerbsobstbau war der Ertrag deutlich höher. Dies liegt zum einen an der stabileren und frostverträglicheren Blütenknospe bei regelmäßig gedüngten und behandelten Flächen und an einem geringeren Verlust während der gesamten Saison durch die Bekämpfung der verschiedenen Krankheiten. Aber auch im Profibereich wird das Jahr 2002 als sehr schwieriges Jahr im Gedächtnis bleiben. Aufgrund der ständigen Feuchtigkeit war ein effektiver Pflanzenschutz nur sehr schwer durchzuführen um die Blätter und Früchte gesund zu erhalten. Es wurde deshalb auch hier- trotz Pflanzenschutz-landesweit leichter bis mittlerer Schorfbefall gemeldet.

  Im Bioapfelanbau kam es noch wesentlich schlimmer. Es zeigten sich in diesem Jahr sehr früh die Schwächen der im Biobereich zugelassenen und verwendeten Mittel. So mussten in Ökoanlagen bis zu 30 und mehr Spritzungen gefahren werden um überhaupt noch verkaufsfähige Ware zu erzeugen.

  Die Fruchtqualität war 2002 trotz guter Größe nicht befriedigend. Gründe hierfür sind wie im Streuobstbereich ein hoher Befall mit Fruchtfäulen. Hinzu kommen bei vielen Sorten wie z. B. Jonagold noch starke Deformierungen und Frostzungen die durch erfrorene Zellverbände während der Blüte entstanden.

Steinobst

  Bei Zwetschgen war der Fruchtansatz durch die Fröste ebenfalls nur gering. Es wurde dies zwar durch eine gute Fruchtgrößenentwicklung zum Teil wieder hereingeholt, es kam insgesamt dennoch nur zu einer mittleren Ernte. Schwierigkeiten machte bei der Ernte dieses Jahr sehr stark eine beginnende Halswelke. Die Früchte zeigten feine Haarrisse am Stilansatz und begannen dort dann später zu schrumpeln. Die Ursache hierfür sind vermutlich die starken Temperaturschwankungen vom Juni und Juli gewesen.

  Der Süßkirschenbehang war sehr uneinheitlich. Es gab frostbedingt viele leere Bäume, andere wiederum hatten einen leichten bis mittleren Behang. Hinzu kamen durch die nasse Blütezeit Triebabsterbungen durch Monilia. Später wurden viele unbehandelte Bäume durch die Schrotschuß- und v.a. die Sprühfleckenkrankheit entlaubt. Da es aber zur Erntezeit trocken war, konnte die gesamte - wenn auch kleine - Ernte ohne "Platzer" eingebracht werden. Der Absatz war sehr gut und es konnten sich erstmals auch die für diese aufwendige Kultur notwendigen Preise von 2,50 EUR und mehr pro Kilogramm realisieren lassen.

  Insbesondere die mittel- und spätreifenden Sorten Kordia, Oktavia und Regina sind wegen ihrer Fruchtgröße, Geschmack und Platzfestigkeit die derzeit gesuchtesten und meistgepflanzten Sorten.

  Die Sauerkirschenernte war bedingt durch die Aprilfröste beinahe total ausgefallen. Beim Pfirsich war das Lockern der Knospenschuppen wieder bereits im Januar 2002 festzustellen. Dieses war früher immer erst Ende Februar/Anfang März der Fall. Bei den für die Kräuselkrankheit anfälligen gelbfleischigen Sorten waren deshalb wieder sehr früh Pflanzenschutzmaßnahmen notwendig.

Beerenobst

  Die Erdbeerernte begann Ende Mai/Anfang Juni sehr gut. Die Pflanzen verkrafteten jedoch die Juni-Hitze und -trockenheit trotz Bewässserung nicht und so kam es zur Monatsmitte zu einem plötzlichen und bedauerlich frühen Ende der Saison. Die Ernte bei den Johannisbeeren war normal. Die Stachelbeeren zeigten innerhalb weniger Tage nach dem Juni-Temperaturrekord vom 18.06. (35,5° C) sehr starke Verbrennungen. Die Früchte wurden auf der Südseite der Pflanzen regelrecht gekocht, zeigten rote Flecken und fielen größtenteils ab. Die Him- und Brombeeren brachten dann einen guten Ertrag wenn die Ruten im letzten Winter nicht erfroren waren und wenn zusätzlich bewässert wurde.

Pflanzenschutz

  Die Situation im Bereich des Pflanzenschutzes hat sich leider nicht gebessert. Es sind für die Klein- und Kleinstkulturen wie z.B. Kirschen und Beeren weiterhin nicht die notwendigen Zulassungen erteilt worden. Es fallen im Gegenteil ständig bislang zugelassene Mittel weg, da immer strengere Auflagen (z.B. Gewässerabstände, Abstände zu Biotopstrukturen) erlassen werden. Da diese Hürden nur in Deutschland ständig höhergeschraubt werden, sie im Ausland aber nicht bestehen, verlagert sich die Produktion von Obst und Gemüse zwangsläufig in unsere Nachbarstaaten. Ein Ende dieser katastrophalen Landwirtschafts- und Lebensmittelpolitik, die sich offiziell Verbraucherschutz nennt, ist zur Zeit nicht abzusehen. Es wird im Gegenteil in der Zukunft ein Pflanzenschutzmittel nur noch dann eine Zulassung erhalten wenn dies im Einvernehmen mit dem Umweltbundesamt erfolgt. Wir dürfen also auf die nächsten gesteigerten Auflagen gespannt sein.

  Manfred Nuber, Kreisfachberater für Obst- und Gartenbau im Landkreis Böblingen
 

Anmerkung der Reaktion

  Dieser Beitrag wirft für die Zukunft des Obstbaus eine ganze Menge Fragen auf. Diese können im Forum diskutiert werden.