Von unserem Ausschußmitglied Manfred Nuber, Fachberater für Obst- und Gartenbau im Landratsamt Böblingen.
Wetterrückblick
Das Jahr 2003 war nach Messungen der Universität Hohenheim mit 10,5° C das drittwärmste Jahr der Messreihe seit 1878. Es verdrängte das Jahr 2002 auf den 4. Platz. Nur die Jahre 2000 und 1994 waren wärmer. Das Jahr 2001 folgte als fünftwärmstes mit 10,1° C. Der Niederschlag betrug im Kreisgebiet mit 630 Liter immerhin ca. 84 % der Norm. Die
Niederschlagsverteilung war aber äußerst ungewöhnlich und extrem, so dass es insgesamt als eines der trockensten und heißesten Jahre in die Aufzeichnungen eingeht.
Der Winter 2002/2003 war um 0,2 °C zu mild, sehr sonnig und sehr niederschlagsarm (Februar nur 20 l/qm). Im Januar und Februar lag an 18 Tagen eine Schneedecke. Der Januar selber war sehr wechselhaft und niederschlagsreich. Der Februar war kalttrocken (Barfröste) und sehr sonnig.
Das Frühjahr 2003 war mit +2,0°C Abweichung das drittwärmste seit 1878 zusammen mit den Jahren 1934, 1945 und 1999. Es war sehr sonnig und trocken. Im März fielen nur 15 l/qm. Lediglich in der ersten April-Dekade gab es eine kühle Periode mit Schnee und Schneeregen und Frostnächten bis –10°C. Durch die Wärme betrug der Vegetationsvorsprung am Ende des
Frühjahrs 2 Wochen.
Es folgte ein Rekordsommer: mit 5°C über dem Durchschnitt war er der wärmste seit 1878. Es wurden sogar die bisherigen „Jahrhundertsommer“ 1983 und der „Steppensommer“ 1947 übertrumpft. Auch die Anzahl der Sommertage (max. >25°C) war einmalig mit 76 statt 25 Tagen. Es gab außerdem 21 heiße Tage, bei denen das Maximum über 30°C lag. In Leonberg wurden sogar 30 Tage über der 30°-Marke gemessen. In einem normalen Jahr gibt es durchschnittlich nur 4 solcher heißen Tage. Die maximale Tagestemperatur erreichte am 09. und 13. August 36,8°C und ist somit bei den höchsten jemals im Kreis gemessenen Temperaturen. An verschiedenen Stellen Deutschlands wurden sogar nahe an 40°C gemessen.
Im Gegensatz zur Wärme war der Niederschlag deutlich zu gering. Alle drei Sommermonate waren ungewöhnlich warm, sonnig und sehr trocken. Es kam an verschiedenen Stellen in Europa u.a. Portugal, Norddeutschland zu verheerenden Waldbränden.
Der Herbst 2003 war insgesamt wesentlich normaler und sogar etwas niederschlagsreicher als sonst. Nach einem mild-trockenen und sonnigen September, der vom 14. – 22.09. nochmals sommerliche Temperaturen bis 30°C brachte, folgte ein kühler, sehr trüber und mit 130 l/qm sehr niederschlagsreicher Oktober. Der November war sonnig und trockener wie erwartet. Das Jahr endete mit einem milden, sonnigen und trockenen Dezember. Es schneite an 6 Tage und so
konnte Weihnachten mit einer dünnen Schneedecke gefeiert werden, die dann bis 05. Januar hielt. Seither jagt ein atlantisches Sturmtief das andere und es fielen jetzt im Januar bereits beträchtliche Mengen an Niederschlägen.
Die absolute Jahresschwankung im Kreis Böblingen betrug 54,5 ° zwischen –17,8 ° am 11./12.01.2003 und 36,8 ° am 09. August. Es wurden 20 Eistage (Maximum kleiner als 0 ° C), anstatt durchschnittlich 22 Eistagen beobachtet. Die Zahl der Sommertage (Maximum über 25 ° C) war mit 91 statt 31 ein absoluter Rekord. Auch die 30 heißen Tage (Maximum über 30 ° C) waren absolut äußergewöhnlich. Normalerweise haben wir nur 4
heiße Tage.
Die höchsten Niederschläge fielen im Januar (93 l/qm in Leonberg) und Oktober (134 l/qm in Herrenberg). Der März war mit 15 l/qm der trockenste Monat mit dem ebenfalls trockenen Februar und September mit jeweils ca. 20 l/qm. Die frostfreie Periode dauerte 179 Tage vom 20. April bis 15. Oktober.
Ertragsverhalten
Das Jahr 2003 geht als das trockenste, heißeste und als insgesamt extrem schwieriges Obstjahr in die Geschichte ein. Erstaunlich ist, dass in einzelnen Bereichen und auch im großen Durchschnitt eine mittlere bis gute Ertragslage zu verzeichnen ist.
Kernobst
Durch die Blütenfröste Anfang April waren je nach Sorte bereits 30 – 90 % der Blüten geschädigt. Es musste auch durch geringen Bienenflug eine unbefriedigende Befruchtung angenommen werden. Viele Bienenvölker waren der Varroa-Milbe zum Opfer gefallen. Da es infolge der trockenen Witterung aber kaum Blattschäden durch Pilze gab, war der Juni-Fruchtfall nur sehr gering und es kam noch eine ausreichend große Zahl von Früchten durch. Diese litten den ganzen Sommer über unter der Trockenheit (kleinere Fruchtgrößen) und der Hitze. Es kam verbreitet zu Sonnenbrandschäden auf den Früchten. Auch das Blattwerk wurde stark geschädigt, entweder es war regelrecht verbrannt (Birne, v.a. Conference) oder aus Wassermangel vom Baum frühzeitig abgestoßen worden.
Die Mostobsternte begann historisch früh, bereits Anfang August, weshalb die Mostereien auch schon 2 – 3 Wochen früher als normal mit der Annahme beginnen mussten. Die Fruchtzuckergehalte lagen bereits am Anfang mit 55° Öchsle über dem langjährigen Spielraum von 48 – 55°. Am Ende der Ernte wurden sogar Werte über 70° Öchsle erreicht, die in anderen Jahren nur von Wein erreicht werden.
Durch den landes- und europaweit geringen Ertrag an Mostobst stieg der Preis rasch von 5 auf 10 EUR/100 kg. Für das Apfelsaftprojekt des Landkreises Böblingen konnten aber wieder mehr als 200.000 Liter zu einem nochmals erhöhten Preis aufgekauft und verarbeitet werden. Der Apfelsaft erreicht durch den sehr hohen Zuckergehalt bei normalen Säurewerten ein hervorragendes Aroma, das sich wahrscheinlich nicht so schnell wieder überbieten lässt. Leider war das Tafelobst aus dem Streuobstbereich nicht sehr lange haltbar, da es durch hitzegeschädigte Fruchtfleischteile zu einer frühen Fäulnis und geringen Haltbarkeit kam.
Im Erwerbsobstbau war der Ertrag sehr zufriedenstellend, wenngleich auf besonders flachgründigen, mageren und trockenen Standorten die Fruchtgröße stark zu wünschen übrig ließ. Manche Sorten wie z.B. Alkmene hatten so starke Hitzeschäden, die sich zum Teil erst im Lager zeigten, dass sie nicht mehr vermarktet werden konnten. Auch bei den anderen Sorten gab es Sonnenbrandausfälle, die zum Teil bis zu 20 % der Ernte betrugen. Die Pilzkrankheiten waren aufgrund der Trockenheit erwartungsgemäß kaum feststellbar, wohingegen die Insekten (Apfelwickler, rote Spinne, Blutlaus) von der Hitze
profitierten und sich bis weit in den Sommer hinein sehr kräftig vermehrten. Leider wurden wieder größere obstbauliche Gebiete in Gärtringen, Ehningen, Darmsheim und Maichingen (u.a.) stark verhagelt. Die Haupternte fand bereits Mitte September und nicht erst Anfang Oktober statt.
Steinobst
Beim Steinobst war entgegen der Befürchtungen nach dem Blütenfrost sogar ein guter bis sehr guter Fruchtansatz vorhanden. Der führte bei der Süßkirsche zu einer guten Ernte mit guten Preisen, die auch ohne geplatzte Früchte eingebracht werden konnte. Leider sorgte hier im Bereich von Herrenberg ein starker Hagelschlag in der Pfingstwoche für Ernteausfälle.
Bei der Zwetschge führte die Trockenheit an vielen Standorten im Laufe des Augusts zu einem Einschrumpfen oder totalen Absterben der Früchte. Die übrigen Standorte hatten meist mit extrem kleinen Früchten zu tun, die in normalen Jahren nicht vermarktungsfähig gewesen wären. Da es aber europaweit ähnlich aussah, konnten auch Zweiter-Klasse-Früchte
abgesetzt werden. Die Preise waren gut, da auch kleine Früchte und Hagelware von der Verarbeitungsindustrie gesucht waren. Eine Langzeitlagerung der Herrenberger Gäu-Zwetschge war dieses Jahr durch die Fruchtfleischschäden jedoch nicht
machbar.
Beerenobst
Die Erdbeerernte begann Ende Mai/Anfang Juni sehr gut. Mit der Trockenheit brachen aber die Pflanzen sehr rasch auseinander und so kam es zu einem sehr frühen Ende der Ernte und geringen Gesamtmengen, die auch trotz guter Preise
nicht das gewünschte Gesamtergebnis brachte. Die Ernte bei den Johannisbeeren war normal. Bei den Stachelbeeren kam es wie bereits 2002 wieder zu starken Sonnenbrandschäden auf den Früchten.
Die Him- und Brombeeren-Ruten waren durch die Barfröste im Winter und dem Frost im April so stark geschädigt dass viele gar nicht oder nur spärlich
austrieben. Dieses landesweite Phänomen führte zu einem extrem knappen Beerenangebot im Handel, weshalb viele Lebensmittelhändler diese Früchte erst gar nicht ins Angebot aufnahmen.
Resümee:
Das Jahr 2003 schloss somit trotz aller negativen Voraussetzungen (Barfröste Februar; Blütenfrost April, Trockenheit und Hitze; vereinzelt Hagel) wider Erwarten gut ab, wenngleich einzelne Standorte und Kulturen auch Totalverluste hinnehmen mussten.
Auswirkungen auf 2004
Durch den Trockenstress und den frühen Blattverlust sind die Blütenknospen und Jungtriebe für einen nächstjährigen Ertrag nur schlecht ausgebildet. Bei ungünstiger Witterung könnte dies zu starken Frostausfällen im Winter oder während der Blüte führen.
Pflanzenschutz
Der Reformstau in der Politik hat sich leider auch im Bereich des Pflanzenschutzes immer noch nicht gelöst. Nach wie vor fallen ständig bewährte Mittel mit dubiosen Begründungen weg, während neue
Produkte in Deutschland nicht zugelassen werden, weil die Hürden hierfür immer höher gesetzt werden. So stehen in Zukunft keine Mittel mehr für die Pflaumenwickler- und Kirschfruchtfliegenbekämpfung zur Verfügung. Auch
bei den Beeren haben wir kein brauchbares Läusemittel mehr. Bei entsprechendem Befallsdruck ist eine Bekämpfung in Deutschland dann nicht mehr möglich.
Was das für Auswirkungen hat, konnte dieses Jahr bereits an verschiedenen Kirschenstandorten in Südbaden und im Ludwigsburger Raum
beobachtet werden wo die Kirschen Dank einer 50 %igen Vermadung nicht mehr vermarktungsfähig waren. Die Obstbauern wären ja gerne bereit auch verwurmte Früchte anzubieten, wenn dies die anderen Produktionsländer genauso machen müssten. Die von dort importierten (und entsprechend
behandelten) Früchte werden aber ohne Beanstandungen bei uns zum Verkauf zugelassen, während bei uns eine legale Produktion nahezu unmöglich gemacht wird.
Ein Ende dieser katastrophalen Landwirtschafts- und Lebensmittelpolitik, die sich
offiziell Verbraucherschutz nennt, ist zur Zeit nicht abzusehen.
Manfred Nuber, Kreisfachberater für Obst- und Gartenbau
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