Weinlese in Waiblingen-Korb 2018

Tolle Fernsicht vom Korber Kopf aus – Alle Bilder: Jürgen Khuen

Eine alte Beziehung der Fachwartvereinigung zum Weingut Schmalzried lebte passend zum Jahresleitthema „Beeren” wieder auf. Die Fachwarte waren vor vielen Jahren schon einmal dort zur Weinlese, nun hatte das Öko-Weingut Schmalzried in Korb bei Waiblingen die Fachwartvereinigung erneut zur Weinlese eingeladen. Das Weingut bewirtschaftet etwa 10 Hektar Rebland, zumeist in Steillage, im Jahre 1975 wurde es auf kontrolliert biologischen Anbau umgestellt und ist damit das erste Öko-Weingut in Württemberg. Der Betrieb ist seit 2010 Demeter-zertifiziert.

Zum Termin am Donnerstag, den 18. Oktober 2018 – leider unter der Woche, sodass interessierte Fachwarte nur durch einen Tag Urlaub oder eben rüstige Rentner teilnehmen konnten – gab es nichts Alternatives, es war kein Wochenendtermin zu bekommen. Die teilnehmenden Fachwarte, einige in Fahrgemeinschaft angereist, mussten sich zeitig auf den Weg machen: Von Weil der Stadt nach Korb beispielsweise dauerte die Anfahrt zwei Stunden, weil es im morgendlichen Berufsverkehr durch Stuttgart nur zähfließend vorwärts ging.

Die Begrüßung erfolgte freundlich mit einem Kaffeeangebot, und wir erfuhren, dass die Leser im Weinberg sich alle „duzen”. Einige weitere Helfer aus der näheren Umgebung fanden sich zusätzlich noch ein, damit bestand unsere Gruppe insgesamt aus zehn Personen. Manche waren das allererste Mal dabei, andere hatten bereits Erfahrung beim Weinlesen. Wir lernten: Die erste Weißweinsorte, die im jährlichen Ernteverlauf gelesen wird, ist „Müller-Thurgau”, der erste Rotwein der „Dornfelder”, ein sehr intensiv dunkelroter Wein, der mitunter auch als Färbewein für andere Rotweine verwendet wird. Diesen Vormittag jedoch sollte die späte Weißweinsorte „Silvaner” gelesen werden, für nachmittags war eine rote Rebsorte geplant.

Fachwarte bei der Weinlese

Ohne Verzögerung ging es pünktlich um 9 Uhr los: „Der Silvaner muss kalt herein”, wie sich Winzer Hermann Schmalzried ausdrückte. In Fahrgemeinschaften gelangten wir in das etwa zwei Kilometer entfernte Nachbardorf Hanweiler zur Großlage Hanweiler Berg. Das Anbaugebiet „Winnender Holzenberg” ist eine Steillage, und sinnvollerweise arbeitet man sich von oben nach unten durch. Dazu muss jedoch der Weinberg zunächst zu Fuß erklommen und die benötigten Utensilien Mini-Rebschere und eine ausreichende Menge an Stapelboxen nach oben geschafft werden. Praktisch: Die Stapelboxen lassen sich in leerem Zustand ineinander schachteln und gehen eng zusammen, für den gefüllten Zustand gibt es eine andere Raststellung, sodass die Boxen stabil aufeinander gestapelt werden können, ohne dass das Lesegut gequetscht wird.

Weinbeeren gegen den Durst

Das Wetter war herbstlich schön und sonnig, und in morgendlicher Frische ging die Weinlese zunächst flott voran. Jeweils zwei Leser bildeten ein Team und nahmen eine Rebzeile in ihre Mitte. Die anfänglich noch eifrig geführten Konversationen untereinander verstummten irgendwann im Verlauf des Vormittags immer mehr; erst jetzt konnte erfahrbar werden, dass die Weinlese eigentlich eine meditative Arbeit ist. Leider hingen die grünen Trauben häufig versteckt unter dem Laub, und mancher wollte den Grund in unzulänglichen Laubarbeiten gefunden haben. Tatsächlich sind blaue Trauben beim Lesen wesentlich besser sichtbar, wie es am Nachbarweinberg deutlich zu erkennen war. Beim Ernten fielen immer wieder vertrocknete oder faulige, auch angefressene Beeren auf, diese wurden von Einzelnen in mühevoller Handarbeit ausgezupft. Dies erhöht zwar die Primärqualität des Lesegutes, vermindert allerdings stark die Erntemenge pro Zeiteinheit. Das Auszupfen allerdings „wäre nicht erforderlich”, so der Winzer Hermann Schmalzried – wo legt er nur seinen Schwerpunkt hin? Sehr schnell gab es klebrige Finger, waren die Beeren doch zuckersüß. Das durchschnittliche Mostgewicht erreicht dieses Jahr über 100 Grad Oechsle, normalerweise sind es 75 Oechslegrad bei den mittleren Jahrgängen.

Vertrocknete Beeren werden ausgezupft

Rasch kamen wir mit Wespen in Kontakt. Viele Früchte waren von den Insekten angefressen, mehr oder weniger ausgehöhlt und von einigen Beeren hingen nur noch die Häute am Stielgerüst – in welchen unerkannt Wespen übernachteten. Gegen 10 Uhr passierte der erste Wespenstich. Erst vielleicht eine Stunde später waren die Temperaturen so weit angestiegen, dass auch Bienen gesichtet werden konnten, die vor allem in den safttriefenden Stapelboxen schnell die Oberhand gewannen. Übrigens schafft ein eifriger Leser in einer Stunde etwa zwei solcher Stapelboxen zu füllen, dies dürften geschätzte 20 Kilogramm Trauben sein.

Verköstigung unter freiem Himmel

Zum Mittagessen wurden Maultaschen in der Brühe gereicht, außerdem ein gemischter Salatteller, dazu natürlich jede Menge eigene Weine in ganz unterschiedlichen Sorten. Gerne wurde aus aktuellem Anlass ein Silvaner verkostet, doch jeder einzelne Helfer dürfte nach etlichen Proben seinen persönlichen Favoriten gefunden haben.

Viel Wein zum Mittagessen

Nachmittags wurde noch hinter Hanweiler, im Gewann „Winnender Haselstein” gelesen, und zwar ebenfalls wieder Silvaner: Dort war die Lese tags zuvor schon begonnen worden, aber noch nicht ganz fertiggestellt. Unsere Aufgabe sollte es sein, die restlichen Rebzeilen abzuernten, um so mit der Sorte Silvaner zum Abschluss zu kommen. Die genaschten zuckersüßen Beeren waren nicht sonderlich geeignet als Maßnahme gegen den Durst, eher bekam man noch mehr davon – und Blähungen … Wer an der Grenze des Weinbergs die tieferliegende Weinbergtreppe in seiner Rebzeile hatte, war eindeutig im Vorteil, hingen die Trauben doch besonders tief, der unterste Spanndraht befand sich noch unter Kniehöhe. Doch eine solche Treppe gibt es nur alle zig Zeilen. Übrigens dienen die Weinbergtreppen vornehmlich zur Entwässerung des Weinbergs und erst in zweiter Linie zum bequemen Erklimmen der Höhenlagen.

Ziemlich hohe Rebzeilenbegrünung

In diesem Weinberg sind die Rebstöcke etwa 60 Jahre alt, und auf dem Etikett der Weinflaschen ist die Bezeichnung „Altes Gewächs” zu lesen. Nach Meinung des Verfassers ist der Weinberg jedoch etwas unorthodox geführt: Zwar müssen die Jungtriebe nicht einzeln an jedem Draht angeheftet sein, es wird versucht, sie zwischen Doppeldrähten hochzuleiten, aber es sind zu viele an einem Stock und innerhalb des Doppeldrahtsystems überlappen und bedrängen sie sich gegenseitig enorm. Auch der Unterbewuchs ist bisweilen störend hoch, vor allem wilde Brombeeren machen sehr zu schaffen, weil sie bereits weit in die Ertragszone hineinragen. Winzer Hermann Schmalzried wies entschuldigend darauf hin und hätte sich gewünscht, dass wir während der Weinlese die Brombeeren gleich abschneiden, zumindest die störenden Ranken – wofür Erntehelfer doch nicht alles gut zu sein scheinen …

Die letzte Traube vor dem Feierabend

Gegen 18 Uhr wurde das Ende beschlossen, leider ist die Erntearbeit in diesem Weinberg wieder nicht ganz fertig geworden. Es war die siebte Lesewoche, und es dürften wohl insgesamt acht Wochen werden: Die letzten zu lesenden Sorten sind „Trollinger” und „Muskat-Trollinger”, beide hängen noch am Weinstock. Es ist überhaupt erstaunlich, dass die Lese zum überwiegenden Teil von lauter ehrenamtlichen freiwilligen Helfern verrichtet wird, eigenes Personal scheint offensichtlich kaum zur Verfügung zu stehen.

Nach der Rückfahrt ins Weingut gab es ein Vesper und wieder Weine, Weine, Weine, weil „Wasser muss ich zukaufen”, so der Winzer. Doch etwas verwunderlich ist, dass das Lesegut über Nacht im Auto verbleibt und erst am nächsten Morgen gepresst werden soll. Von den beteiligten Fachwarten erhielt jeder noch ein Weingeschenk, dann ging es müde heimwärts. Auch die Füße taten weh durch das ganztägige Stehen in der Schräglage. Aber es war ein bewegender Tag, beides: Interessant und lehrreich, aber auch mühsam und anstrengend, und sicherlich werden wir ehrfürchtig bedenken, welche Kraftanstrengung in der Weinproduktion steckt, wenn wir uns das nächste mal ein Glas Wein gönnen.

Über Bruno Böhmler

Jahrgang 1956. Fachwart für Obst und Garten seit 2003. Danach kamen immer weitere Qualifikationen hinzu: LOGL-geprüfter Obstbaumpfleger, Heckengäu-Naturführer, kommunaler Baumwart (entspr. staatl. geprüft), Pflanzendoktor der Gartenakademie, FLL-zertifizierter Baumkontrolleur, Baumwertermittler.

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