Der Wald im Klimawandel

Nach diesem Motto hatte die Fachwartvereinigung im Rahmen ihres Jahresleitthemas zu einer am 17. Mai 2019 stattgefundenen Waldbegehung eingeladen. Der Herrenberger Revierförster Winfried Seitz konnte 20 am Thema interessierte Fachwarte im Kuppinger Wald begrüßen. Durch den anfänglichen Regenschauer ließen sich die Teilnehmer nicht abschrecken, mehrere Standorte im Wald zu besichtigen.

Revierförster Winfried Seitz heißt die Fachwarte willkommen

Zunächst: Die Fichte wird durch den Klimawandel bedingt mittel- bis langfristig bei uns keine Chance haben, sie ist hier sowieso nicht heimisch. Der Forst setzt vorrangig auf die Baumarten Buche, Eiche, Weißtanne und Douglasie sowie auf einheimische Gehölze. Zwar ist die Douglasie ebenfalls nicht heimisch, dennoch soll sie als Kurzumtriebsholz angebaut werden, sie kommt mit dem sich verändernden Klima gut zurecht. Derzeit beträgt der Anteil der Douglasie 5 Prozent des Gesamtbestandes. Man geht davon aus, dass die Douglasie sich durch die starke Harzbildung gut gegen den Fichtenborkenkäfer, den sogenannten Buchdrucker, wehren kann. Dies jedoch nur, wenn es dem Baum gut geht und er nicht bereits anderweitig, zum Beispiel durch Trockenstress, geschwächt ist. Die Douglasie ist keine Hauptbaumart, es werden 2 Prozent angestrebt.

Die Hauptbaumart im hiesigen Wald ist und bleibt die Buche, gefolgt von der Eiche, die derzeit 25 Prozent des Bestandes ausmacht und weiter erhöht werden soll. Hier plant der Forst typischerweise schon von jeher sehr langfristig, unabhängig vom bestehenden Klimawandel: Die Forstwirtschaft ist ein Generationenvertrag. Buchen müssen übrigens nicht nachgepflanzt werden, der Buchenbestand regelt sich durch natürliche Verjüngung von selbst.

Winfried Seitz freut sich über die üppige Naturverjüngung

Auch Eschen und Ahorne sind nach wie vor im Wald anzutreffen, wenn auch die Esche mit dem Eschentriebsterben und der Ahorn neuerdings mit dem Ahornsterben, genauer mit der Rußrindenkrankheit zu kämpfen hat, beides ausgelöst durch pilzliche Schaderreger. Die Sporen der Rußrindenkrankheit sollen zudem krebserregend sein. Auch eine Walnuss kann forstwirtschaftlich interessant sein, allerdings erst ab einem astfreien Stammdurchmesser von 50 Zentimetern aufwärts. Die Kiefer ist eine Lichtbaumart und verträgt sich daher weniger mit der Buche, die sie zu überschatten droht. Dafür hat sich im Buchenbestand eine Zitterpappel verirrt, und auch eine einzige Blutbuche leuchtet in Rot aus dem umgebenden Maiengrün, beides Wildsämlinge. Die Lärche wird, wo sie aufwächst, gepflegt, aber nicht neu angebaut.

Die junge Blutbuche ist ein roter Farbtupfer im grünen Wald

Die Ulme ist nur selten im Wald zu finden und das Holz ist sehr gesucht. Der Schreiner bezeichnet das Ulmenholz als „Rüster“. Bei der Waldbegehung konnte Förster Winfried Seitz tatsächlich eine junge Ulme am Wegesrand zeigen; sofort bemerkten einige Fachwarte die starke Zwieselbildung in der Mittelkrone, die durch einen einzigen Schnitt noch gut hätte vermieden werden können. „Diese Ulme darf wachsen wie sie will, sie soll nicht geerntet werden“, so die Antwort des Revierförsters.

Die junge Ulme als Zwiesel

Die Eiche ist sturmfest; hauptsächlich kommen Stiel- und Traubeneiche vor. Während die Stieleiche besser mit feuchten Standorten zurechtkommt, ist die Traubeneiche eher ein Trockenspezialist. Beide Eichenarten bastardisieren auch, das heißt sie vermischen sich untereinander. Bei der Eiche sind regelmäßig zwei Triebzeiträume zu beobachten: Der Johannistrieb im Juni ist oft stärker als der Frühjahrstrieb. Eine Eiche mit 70 Zentimeter Stammdurchmesser in Brusthöhe ist wirtschaftlich erntereif, ein Viertel der Länge sollte idealerweise astfrei sein. Hierbei sorgen die umstehenden Bäume als Lichtkonkurrenten für die notwendige Wertastung. Eine händische Astung mittels Stangensäge oder Hochentaster würde höchstens bis auf 7 Meter Höhe hinaufreichen, die Natur sorgt hier für 8 Meter. Eichen werden im Forst maximal 500 Jahre alt, ab 200 Jahren beginnt die Kernfäule im Stamm, 1000-jährige Eichen sind innen alle hohl.

Es wurde auch auf die Gefahren des Waldes und in diesem Zusammenhang speziell auf die Verkehrssicherungspflicht eingegangen. Insbesondere die Gefährdung durch herabstürzendes Totholz wurde thematisiert. Waldbesucher sind demnach stets auf eigene Gefahr unterwegs. So soll es zwei Tote gegeben haben, die von einem Eichenast erschlagen wurden, weil diese durch den Glänzenden Schillerporling (sic) geschädigt war. Eine weitere Gefahr im Wald: Man könnte erschossen werden. Am Standort des Kleindenkmals „Hörmannstein“ unweit des Kuppinger Sportplatzes soll in längst vergangenen Tagen ein Wilderer erschossen worden sein, bis man in neuerer Zeit die verwitterte Inschrift „Hier ist erschossen worden Jak. M. Hörmann von Oeschelbr. A 1858“ entzifferte. Der zunächst unerkannt gebliebene Hinweis auf „Oeschelbr“ ergab durch die Öschelbronner Kirchenchronik die genaue Auskunft, dass der Betroffene durch einen Teilnehmer bei der Jagd unvorsichtigerweise erschossen wurde – ein Jagdunfall also.

Der Natur- und Artenschutz liegt dem Revierförster am Herzen. Mitten im Wald konnte ein Feuchtbiotop in Augenschein genommen werden, bei dessen Erstellung mit einem Bagger nachgeholfen wurde. Den Teichgrund bildet eine natürliche wasserundurchlässige Lehmschicht, und sehr zur Freude des Försters haben sich mittlerweile Bergmolch, Grasfrosch, Erdkröte und Ringelnatter angesiedelt. Stehendes Totholz ist stets ein Biotop, es wird nicht entfernt und ist am Stamm mit einem Spechtsymbol gekennzeichnet. Fledermäuse ziehen sich gern hinter die sich lösenden Rindenplatten zurück. In einem als Waldrefugium ausgewiesenen Stück Wald mit 1 Hektar Fläche ist der Schwarzspecht wieder heimisch geworden, daran eng gebunden kommt die Hohltaube vor, und auch die Dohle fühlt sich hier wohl. Entweder können Einzelbäume, eine Habitatbaumgruppe, ein Waldrefugium oder ein Bannwald völlig dem Schutz überlassen werden, wo keinerlei Bewirtschaftung erfolgt. Hierfür werden dem städtischen Ökokonto 4 Ökopunkte pro Quadratmeter gutgeschrieben, was für Herrenberg 40.000 Punkte allein aus diesem Waldrefugium ergibt, rechnet Förster Winfried Seitz vor. Ein Bannwald hat eine Größe von mindestens 50 Hektar.

Feuchtbiotop

In einer Waldkultur wurden junge Douglasien aufgepflanzt. Zuvor war die Fläche mit Eschen bestanden, die aber aufgrund des fortschreitenden Eschentriebsterbens gerodet wurden. Die Douglasie ist klimatolerant, sie verträgt jedoch keine Staunässe. Das Schutzrohr, die sogenannte Wuchshülle, in welchem die junge Douglasie heranwächst, dient vornehmlich als Fegeschutz gegen Rehböcke, ein eventueller Verbiss ist hier das kleinere Problem. Junge Eichen und Tannen wachsen ohne schützenden Zaun heran, hier besteht ein gewisses Verbissrisiko. Förster Winfried Seitz, selbst Jäger, hegt die Idee, das Wild so zu bejagen, dass keinerlei Schutz notwendig wird. Übrigens ist der größte Baum Deutschlands eine Douglasie mit 66 Meter Höhe, sie steht bei Freiburg.

In der Douglasienkultur

Der Rückweg führte am Kuppinger Forsthaus vorbei, wo für Kinder und Schüler immer wieder waldpädagogische Veranstaltungen durchgeführt werden. Dort stehen aus sicherheitsrelevanten Gründen keine Eschen in der Nähe.

Die Verabschiedung von Revierförster Winfried Seitz erfolgte mit viel Dank und einem Honigpräsent. Er ist mit Herzblut in seinem Amt tätig, was ihm durchgängig abzuspüren war. Ein gemütliches Beisammensein in der Sportgaststätte „Unter den Linden“ des TSV Kuppingen bei gutem Essen endete erst nach 22 Uhr.

Über Bruno Böhmler

Jahrgang 1956. Fachwart für Obst und Garten seit 2003. Danach kamen immer weitere Qualifikationen hinzu: LOGL-geprüfter Obstbaumpfleger, Heckengäu-Naturführer, kommunaler Baumwart (entspr. staatl. geprüft), Pflanzendoktor der Gartenakademie, FLL-zertifizierter Baumkontrolleur, Baumwertermittler.