Lehrfahrt zum KOB Bavendorf

Thomas Kininger (rechts) mit seinen Ausführungen zum geschützten Anbau

Eine Lehrfahrt zum Kompetenzzentrum Obstbau-Bodensee (KOB) nach Bavendorf am 21. September 2019 veranstaltete die Fachwartvereinigung in Zusammenarbeit mit dem Arbeitskreis Erwerbsobstbau und der Fachberatungsstelle Obst- und Gartenbau am Landratsamt Böblingen. Thomas Kininger, Mitarbeiter des Versuchsbetriebs und Ausbilder am KOB konnte etwa 50 am Obstbau interessierte Teilnehmer begrüßen. In Bavendorf fallen durchschnittlich 1000 Millimeter Jahresniederschlag, die Jahresdurchschnittstemperatur beträgt 8,5 °C.

Apfel

Derzeit ist die Apfelernte zugange; sie geschieht individuell, wenn in den Früchten nur noch wenig Stärke vorhanden ist. Dies wird mit einem Zuckertest und unter Zuhilfenahme der Lugolschen Lösung untersucht. Gleichzeitig wird mittels eines Stempels die Festigkeit der Frucht geprüft. Bei den Äpfeln ist insbesondere die Sorte „Elstar“ beliebt. Die Sorte „Jonagold“ wird geerntet, wenn sie eine noch grüne Grundfarbe aufweist, weil sie dann länger haltbar ist. Die Sorte „Nicoter“ wird als Klubsorte „Kanzi“ der Firma BayWa vermarktet. Nicht das KOB legt die zu testenden Sorten fest, sondern sie werden von den Auftraggebern jeweils nach Marktlage und vermutetem Marktpotenzial vorgegeben.

Die Sorte „Pinova“ ist sonnenbrandempfindlich

Dass eine Fruchtausdünnung notwendig ist, wurde mehrmals betont. Die Vorteile sind hinreichend bekannt. Soll gegen drohende Alternanz ausgedünnt werden, muss dies unbedingt vor dem Termin 15. Juni geschehen. Die Bäume werden ab dem vierten Laub ausgelichtet, indem auf Zapfen zurückgeschnitten wird. Dies dient der Fruchtholzerneuerung. Ein Sommerschnitt im August, also noch vor der Ernte, ergibt 58 Prozent mehr Früchte, als wenn ein Winterschnitt durchgeführt worden wäre, so das Ergebnis einer Untersuchung. Zur Ernährung der Frucht rechnet man mit 25 Blättern pro Apfel, damit dieser gut versorgt werden kann. Dabei zählen die Blätter von Reiteraten nicht, denn diese versorgen nur sich selbst. Gegen Sonnenbrand auf den Früchten hilft ein Beschattungsnetz. Besonders empfindlich hierbei sind Schattenfrüchte. Generell gilt: Voll behangene Bäume ergeben gute und haltbare Äpfel.

Im Kühllagerbereich des Kompetenzzentrums

Bei der Einlagerung der Äpfel kommt die Methode „SmartFresh“ zum Einsatz, die den Reifungsprozess der Früchte aufhält. Hierbei hemmt ein Gasmolekül das natürliche Reifehormon Ethylen des Apfels und unterbricht die Reifung. Die Früchte bleiben so bis zu einem Jahr erntefrisch haltbar und behalten ihre Knackigkeit, Saftigkeit und Geschmack. Auf Nachfrage war zu erfahren, dass in Deutschland zwar jegliche Nacherntebehandlung verboten ist, die Behandlung mit SmartFresh in der EU jedoch nicht deklariert werden muss, weil die Behörden das Verfahren als völlig unbedenklich einstufen. Selbstverständlich wird diese Methode im biologischen Anbau nicht angewandt, hier kommt nur eine CA-Lagerung (CA = Controlled Atmosphere mit genau geregelter und kontrollierter Temperatur und Sauerstoffgehalt) in Betracht.

Auch zu verschiedenen Pflanzabständen innerhalb der Reihe werden Versuche gemacht. Es war zu erfahren, dass die Bäume enger gepflanzt werden können, wenn man sie erst dann in der Höhe begrenzt, wenn sie oben am Schutznetz angelangt sind. Durch das Wachstum nach oben können die Bäume unten schlanker gehalten werden. Dies gilt sowohl für Apfelspindeln wie auch für Süßkirschen.

Kirsche

Bei den Süßkirschen – hier aktuell die Sorten „Adelise“ und „Kordia“ auf GiSelA 5 sowie „Regina“ auf GiSelA 3 – ist man zwischenzeitlich wieder bei einem Pflanzabstand von einem Meter angelangt: Das System Superspindel ist vom Apfelanbau her schon seit Jahren bekannt. Auch das Erziehungssystem UFO (Upright Fruiting Offshoots, deutsch etwa: aufrecht wachsende Fruchttriebe) wird in mehreren Varianten untersucht. Hierzu ist zwingend ein Drahtgerüst mit vier Drähten notwendig. Die Bäume werden mit einem Winkel von 45 Grad schräg gepflanzt, im nächsten Jahr werden etwa zehn senkrechte Jungtriebe in passendem Abstand ausgewählt und an den Drähten nach oben geleitet. Hier zerfällt der Versuchsanbau in die zwei Varianten: Die Jungtriebe werden entweder senkrecht oder in die zum Stamm entgegengesetzte Richtung im Winkel von 45 Grad fixiert. Kirschen neigen im Gegensatz zu Äpfeln weniger zur Alternanz.

Süßkirschen in UFO-Erziehung am Drahtrahmen, 45 Grad schräge Offshoots

Alle Baumstreifen werden stets bewuchsfrei gehalten. Hierfür wurde bei der Industrie bereits eine Maschine ähnlich eines Mähroboters angefragt, allerdings bislang ohne Erfolg. Der zur Unterdrückung des Unkrautbewuchses ausgebrachte Rindenmulch auf den Baumstreifen wirkt nicht sonderlich versauernd auf den Boden, sondern eher als Stickstoffsperre. Es muss daher zusätzlich Stickstoff gegeben werden. Zur derzeit aktuellen Glyphosat-Diskussion stört es Thomas Kininger, dass kein Unterschied gemacht würde zwischen der Anwendung gegen Unkraut und der Applikation auf die Kulturpflanze, was in der Praxis deutlich überwiege.

Feigenkultur im Folienhaus

Feige

Versuchsweise werden auch Feigen angebaut; die Kulturen stehen freilich im Foliengewächshaus, weil sie frostempfindlich sind. So sollen bei einer Temperatur von -12 °C keinerlei Früchte mehr gebildet werden können. Insgesamt befinden sich zehn Sorten in der Testung, davon acht aus Frankreich mit teilweise klangvollen Namen wie „Col de Dame Noir“, „Madeleine des deux Saisons“ oder „Ronde de Bordeaux“, eine türkische Sorte namens „Brown Turkey“ sowie eine Sorte „Nordland“ unbekannter Herkunft. Man fand heraus, dass die Pflanzen der türkischen Feige leider nicht virusfrei sind und deshalb die vegetative Vermehrung nur aus der Triebspitze erfolgen kann. Übrigens wird im Folientunnel mit Nützlingseinsatz gearbeitet.

Junge Feige im zweiten Standjahr

Überhaupt können bei uns nur Sorten angebaut werden, die keine Befruchtung benötigen. Üblicherweise ist für die Befruchtung der Feige eine spezielle Wespenart zuständig, die in Gebieten nördlich der Alpen allerdings nicht vorkommt. Die sogenannten parthenokarpen Sorten bilden Früchte auch ohne vorherige Bestäubung. Feigen können zweimal im Jahr Früchte bilden. Die ersten werden Blühfeigen genannt und sind meist größer als die folgenden. Später entwickeln sich die Herbstfeigen, welche bei den meisten Sorten den Hauptertrag ausmachen. Je nach Nutzung und Standort sollte bei der Auswahl der Sorte besonders auch auf die natürliche Wuchshöhe geachtet werden. Die französische Sorte „Noir de Barbentane“ beispielsweise weist einen sehr starken Wuchs mit über sechs Metern Höhe auf und dürfte allein deshalb weder für den Erwerbsobstanbau noch für den Hausgarten geeignet sein.

Nach dieser Führung durch die Obstanlagen war lediglich noch eine halbe Stunde Zeit bis zur Mittagspause, in der entweder die Sortenerhaltungszentrale oder der Schaugarten besichtigt werden konnte. Man entschied sich für den Schaugarten.

Schaugarten

Der Schau- und Ausbildungsgarten wurde 2001 angelegt. Er liegt direkt am Eingang zum Gelände des KOB und ist üblicherweise erster Anlaufpunkt für eintreffende Besucher. Unsere Gruppe hat ihn zum Schluss und leider nur kurz besucht. Neben üblichen Obstkulturen finden sich dort auch Wildobstarten, Exoten und Besonderheiten.

Einige Highlights in Stichworten: Ein großer Feigenbaum steht unmittelbar am Eingang. Ein einzelner riesiger Aroniastrauch hat viele Kubikmeter Raum eingenommen – im Obstbau wird er geschnitten, hier nicht, hier darf er wachsen wie er will. Auch ein Speierling dominiert im Eingangsbereich und überragt viele weitere Sträucher und Stauden.

Im Schaugarten

Etwas weiter hinten stehen zwei Maulbeerbäume nebeneinander, selbstverständlich eine Schwarze und eine Weiße Maulbeere. Auch je eine Kartoffel- und eine Vitaminrose sind zu sehen, die nicht verwechselt werden können: Die Kartoffelrose (Rosa rugosa), die wie auch die Hundsrose fälschlicherweise umgangssprachlich oft als Heckenrose bezeichnet wird, hat Hagebutten, die deutlich mehr breit als hoch sind, während sie bei der Vitaminrose (Rosa dumalis × Rosa pendulina) flaschenförmig und wesentlich höher als breit sind.

Bei der Japanischen Weinbeere (Rubus phoenicolasius) gehen die Kelchblätter auf und zu und wieder auf, indem die Frucht zunächst umschlossen und zur Reife wieder freigegeben wird. Die Maibeere (Lonicera kamtschatica) stammt ursprünglich von Kamtschatka und ist als Obst- und Zierstrauch gleichermaßen beliebt. Die Wurzelknollen des Topinamburs sind nach Ansicht Thomas Kiningers fürs Schnapsbrennen viel zu schade, er empfiehlt, sie lieber roh über einen Salat zu reiben.

Manfred Nuber (rechts) bedankt sich bei Thomas Kininger mit einem Präsent

Manfred Nuber musste an dieser Stelle die interessanten Ausführungen Thomas Kiningers unterbrechen, denn die Zeit war bereits weit fortgeschritten und wir waren als geschlossene Gesellschaft zum Mittagessen fest angemeldet. Viel zu kurz waren die etwas mehr als zwei Stunden beim KOB, die wie im Fluge vergingen.

Obstbetrieb Keßler

Der Nachmittag galt einem Besuch der Mosterei Keßler in Horgenzell-Detzenweiler. Wurde der Betrieb ursprünglich als Lohnmosterei gegründet, gehören heute auch Mostobsthandel sowie Saftherstellung und -vertrieb zu seinen Tätigkeitsfeldern. Es werden auch eigene Äpfel angebaut: In Kultur stehen vier bis fünf Re-Sorten sowie die Sorte „Hilde“. Prinzipiell gibt es keine Hochstammbäume, sondern es herrscht ausschließlich Intensivanbau vor. Derzeit werden die schwachwachsenden Bäume der Unterlage M9 auf M25 umgestellt. Nach Ansicht von Wilhelm Keßler ist aus Obst von Streuobstwiesen kein trinkbarer Most herzustellen. Sein Favorit ist sein roter Most, gemischt aus Apfel und – als Alleinstellungsmerkmal – Süßkirsche statt Sauerkirsche („… mit Sauerkirsche macht jeder“), der insbesondere bei jungen Leuten unter 25 Jahren sehr beliebt sei, weil er lieblich ist. Überhaupt besteht der Absatz zu 80 Prozent aus roten und nur zu 20 Prozent aus weißen Sorten. Insgesamt sind etwa 25 verschiedene Mostsorten im Angebot, und jährlich kommt mindestens eine weitere hinzu. Generell werden zu seinem Most nur Äpfel und keine Birnen verwendet. Auf Nachfrage, ob er seinem Apfelmost aus geschmacklichen Gründen nicht auch einen Birnenanteil beimische, wurden Deklarationsprobleme genannt: Der „WKD“ kontrolliere regelmäßig.

Im Hofbereich der Mosterei Keßler

Die Lohnmosterei hat eine Verarbeitungskapazität von drei Millionen Litern pro Jahr und zählt damit zu den kleinen Mostereibetrieben. In der Region sind wesentlich größere Betriebe ansässig. In der Lohnmosterei werden auf Wunsch bereits Kleinmengen ab fünf Kisten Obst, das entspricht etwa 100 Kilogramm, verarbeitet. Abgefüllt wird nicht in Flaschen, sondern ausschließlich in Bag-in-Box. Dabei ist zu beachten, dass der pasteurisierte Saft möglichst schnell heruntergekühlt werden muss, da sich sonst ein unangenehmer Kochgeschmack einstellt. In der Praxis wird angestrebt, den Saft binnen 5 bis 8 Stunden auf unter 40 °C zu bringen. Niemals darf der Saftbeutel in warmem Zustand in die Box, und keinesfalls dürfen warme Boxen gestapelt werden, sie blieben sonst tagelang warm.

Die hofeigene Gastronomie bietet Platz für bis zu 400 Personen einschließlich des Biergartens unter freiem Himmel, allein die Besenwirtschaft fasst 180 Personen und ist rustikal und urig eingerichtet. Ein stabiler neun Meter langer Tisch aus dem Stamm eines Mammutbaums, in den einst der Blitz eingeschlagen hat, ist ein Hingucker. Bei der anschließenden Mostverkostung trat Wilhelm Keßler als Mostsommelier in Erscheinung. Welches Probierglas ist eigentlich das richtige? Es gibt tatsächlich merkliche sensorische Unterschiede in Abhängigkeit von der Glasform. Hier ist Österreich sein großes Vorbild, nicht nur in der Gastronomie, sondern auch in der Landwirtschaft allgemein. „Österreich ist uns zehn Jahre voraus.“ Es klärte sich auch ein Missverständnis auf: Die angebotenen 25 Sorten „Most“ sind zum allergrößten Teil Saft, der vergorene Saft ist Apfelwein. Nach Herzenslust durfte von allen angebotenen Kreationen probiert werden, darunter sortenreine Säfte und Mischsäfte, auch Biosäfte, Moste, Glühmoste und Secco-Variationen. Gleichzeitig waren im geöffneten Hofladen alle Produkte in unterschiedlichen Gebindegrößen vorrätig.

Über Bruno Böhmler

Jahrgang 1956. Fachwart für Obst und Garten seit 2003. Danach kamen immer weitere Qualifikationen hinzu: LOGL-geprüfter Obstbaumpfleger, Heckengäu-Naturführer, kommunaler Baumwart (entspr. staatl. geprüft), Pflanzendoktor der Gartenakademie, FLL-zertifizierter Baumkontrolleur, Baumwertermittler.